Zu Besuch im Liebermenschhaus

Auf zu einem Ort gelebter Utopien!

Voller Aufregung und kribbelnder Vorfreude im Bauch packe ich am Donnerstagabend meinen Rucksack, um drei Tage im Liebermenschhaus bei living utopia zu verbringen. Endlich kann ich das Projekt- und Gemeinschaftshaus kennenlernen, das Tobi und Pia 2015 initiiert haben und seit September bewohnen!

Seit über einem Jahr lese ich immer wieder Blogartikel von den beiden, die meist auf Experiment Selbstversorgung erscheinen. Zweieinhalb Jahre lang haben sie konsequent geldfrei gelebt, um Erfahrungen außerhalb der Verwertungs-, Tausch-, und Leistungslogik zu machen. In Posts und Gesprächen geben sie mir immer wieder wichtige Impulse, wie ich im Alltag mit Leichtigkeit nachhaltig und (konsum-)freier leben kann. Von Anfang an war ich von ihrem Mut, ihrer Offenheit und ihrer unglaublich wertschätzenden Art fasziniert und verfolge gespannt die Newsletter und Veranstaltungen ihres Projekt- & Aktionsnetzwerks living utopia. So habe ich im Sommer 2015 mit Begeisterung auch an ihrem geldfreien Mitmachkongress Utopival teilgenommen, der jedes Jahr stattfindet. Es war ein tief prägendes Erlebnis für mich und ich möchte jedem ans Herz legen, das berührende Miteinander auf dem Utopival selbst zu erleben und dort Kraft zu tanken für eigene Herzensprojekte (Anmeldung für 2016 hier).

In der Hoffnung, diese intensive Atmosphäre der Gemeinschaft, Inspiration und Achtsamkeit erneut zu erleben, mache ich mich Freitagmorgen auf nach Mainz. Nun kann ich diesen Menschen endlich wieder begegnen! Wie auch ich möchten sie einen gesellschaftlichen Wandel mitgestalten und Alternativen zu den bestehenden Verhältnissen leben. Dabei sind die begleitenden Motive all ihrer Projekte: geldfrei, vegan, ökologisch und solidarisch. Wie sie im Liebermenschhaus in Mainz wohl ihre Utopien verwirklichen?

Aufgeregt und neugierig steige ich in den Bus, dann in den Zug, dann wieder in einen Bus …

Überraschungen bei der Ankunft

Nach fast siebenstündiger Reise steige ich in einem äußeren Stadtteil von Mainz aus und bin erst einmal verblüfft. Ich hatte erwartet, in ganz Mainz schon die besondere Atmosphäre bewusster und nachhaltig lebender Menschen zu spüren und stehe nun in einer ziemlich gewöhnlichen, eher spießigen Einfamilienhaussiedlung: ein nicht-ökologisch gebautes Haus neben dem anderen, jedes hinter einem Zaun oder einer Hecke verschanzt, Vorgärten mit kurz gemähtem Rasen und nicht-heimischen, hochgezüchteten Pflanzenarten. Naja, was hatte ich denn gedacht? Dass ganz Mainz mittlerweile essbare Dach- und Außenwandbegrünung hat und die BürgerInnen geldfrei ihre Fähigkeiten und Talente miteinander teilen, nur weil living utopia hier wohnt? Ich muss über meine Naivität schmunzeln und strecke meine von der langen Fahrt steif gewordenen Glieder aus. Angenehm warm scheint mir die Sonne ins Gesicht. Ja, ich hätte es den engagierten, offenherzigen Menschen von living utopia durchaus zugetraut, in wenigen Monaten die ganze Stadt zu verändern. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

 

Munter spaziere ich den Berg hinauf. Als ich in die Liebermannstraße einbiege, bin ich ein zweites Mal verblüfft: Auf den ersten Blick reiht sich auch das Liebermenschhaus brav in die Einfamilienhaussiedlung ein: weiß gestrichener Klotz mit dunkelbrauner Holztür, sogar ein vergittertes Fenster … ein Gebäude aus geraden Linien. Ich hatte mir immer eine Villa Kunterbunt vorgestellt oder ein Haus im Stil von Hundertwasser, voller Spiralen und eigenwillig geformter Fenster. Doch bevor ich noch enttäuscht sein kann, entdecke ich ein buntes Willkommensschild und den „unordentlichen“ Vorgarten und muss grinsen. Zwischen Rosen und Lavendel dürfen hier auch wilde Heilpflanzen wie Löwenzahn, Spitzwegerich und Distel frei wachsen. Ich klingele, denn ich weiß noch nicht, dass die Haustür der vertrauensvollen BewohnerInnen immer unverschlossen ist. Und dann tauche ich endlich in die ersehnte Welt voller kreativer Wandbemalungen und bunter Mutmachsprüche ein.

Entdeckungstour durch das Liebermenschhaus

Pia empfängt mich mit einer herzlichen Umarmung und einem fröhlichen „Wie schön, dass du da bist!“. Ich bin überrascht und auch erfreut darüber, wie viel Zeit sie sich nimmt, um mich durch das geräumige Haus zu führen, mir seine BewohnerInnen und Zeitgäste vorzustellen sowie meine unzähligen Fragen zu beantworten. Ich fühle mich wunderbar willkommen und geborgen!

 

Jeden Raum darf ich bestaunen: die individuellen Zimmer der acht BewohnerInnen, die mich freudig begrüßen, die Küche mit dem klimafreundlichen „Kühl“schrank, den multifunktionsfähigen Gemeinschaftsraum, die Schlafstätte für Übernachtungsgäste, Vorratskammer und Bastelwerkstatt im Keller, den gemeinschaftlichen Raum „Co-Wupp-Space“, wo Menschen in konzentrierter Arbeitsatmosphäre an PCs oder anderen Medien Projekte organisieren oder sich weiterbilden …

 Ja, hier gibt es so manchen besonderen Raum, beispielsweise im Flur des ersten Stockwerks ein kuscheliges Eck, dem gegenüber sich eine Zeitschriftenwand befindet. Eine Einladung zum Verweilen, Träumen und gemütlichen Lesen.

Ich mag sehr, dass im Liebermenschhaus alles seinen Platz hat, liebevoll und bewusst gestaltet. Besonders gut gefällt mir auch der gemeinschaftliche Kleiderschrank neben der Ideen-Säule im Flur des Erdgeschosses. Kleidung, die man selbst nur ab und zu braucht, kann hier in beschriftete Fächer gelegt und miteinander geteilt werden. Wie praktisch! Ich leihe mir dort auch gleich eine Pumphose für die Zeit meines Besuches aus und fühle mich sofort wie ein Teil der Hausgemeinschaft.

Klimafreundlicher Kühlschrank

Bei all den aufregenden Eindrücken und Gesprächsthemen mit Pia brauche ich dringend etwas zu trinken. In der Küche gönnen wir uns ein Glas erfrischendes Leitungswasser und ich bestaune die schön beschrifteten Gefäße mit Getreide und Gewürzen in den Regalen. Im Gespräch mit Pia erfahre ich, dass alle Lebensmittel im Liebermenschhaus „gerettet“ sind, d.h. vor der Mülltonne bewahrt wurden. Auch ich rette in Berlin bei Supermärkten und anderen Betrieben große Mengen genießbarer Lebensmittel, die sie ansonsten wegwerfen würden, weil schon die neue Lieferung da ist oder das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Ich bin mittlerweile sogar Botschafterin im Foodsharing Team Charlottenburg-Wilmersdorf. Die geretteten Lebensmittel essen und verteilen wir weiter. Dadurch kann ich mich komplett geldfrei ernähren. In diesem Sinne hat auch living utopia Kooperationen mit Betrieben: Sie retten Essen, Zahnpasta und anderes vor der Tonne, für den Eigenbedarf und ihre geldfreien Projekte. Da in der westlichen Gesellschaft 40% der Lebensmittel weggeworfen werden (siehe meinen Blogartikel Foodsharing), ist es leicht, sich davon ausgewogen und vegan zu ernähren. Dennoch ist das LM-Retten für uns alle nur eine Übergangslösung. Schließlich setzen wir uns dafür ein, Bewusstsein im Umgang mit dem, was uns nährt, zu schaffen, und fordern Gesetze, die das Wegwerfen von Lebensmitteln verbieten. Living utopia ist es wichtig, Überfluss und Vorhandenes zu nutzen, erzählt mir Pia. Zusätzlich möchten die Menschen im Liebermenschhaus ausprobieren, sich selbst zu versorgen. Sie haben auch schon angefangen, ein Beet im Garten anzulegen, wo Pia ihre Permakultur-Kenntnisse ideal einbringen kann.

 

Bevor es nun mit der Hausführung weitergeht, bestaune ich erst einmal den klimafreundlichen „Kühl“schrank in der Küche: ein Regal mit Tür, in dem Obst, Gemüse, Margarine, Aufstriche, Sojamilch, Smoothies und andere vegane Speisen stehen.

„Und das geht ohne Kühlen nicht kaputt?“, wundere ich mich. Nein, wieso auch? Wenn man die Küche nicht heizt und außerdem nur so viele Lebensmittel vorrätig hat, wie man in wenigen Tagen aufbraucht, ist ein Stromfressender Kühlschrank überflüssig. Klar! Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Oma: Als sie so alt war wie ich jetzt, hatte sie auch keinen Kühlschrank. Gemüse und Obst, ja selbst Fleisch, Eier und Milch, die ich als Veganerin sowieso nicht konsumiere, wurden jeden Tag auf dem Markt frisch gekauft und direkt zubereitet. Wozu also ein Kühlschrank?

Kartoffeln, Kakaobutter und Getreide lagern die BewohnerInnen des Liebermenschhauses im kühlen Keller und das frisch gerettete Obst und Gemüse draußen auf der Terrasse, was bei den noch kühlen Apriltemperaturen gut funktioniert.

Und im Sommer? Da wollen sie einen Außenkühlschrank bauen, erzählt mir Pia. Ich bin davon so fasziniert, dass ich beschließe, mich nach dem Besuch mehr mit der Frage zu beschäftigen, ob ich in meiner Wohnung einen Kühlschrank brauche oder nicht. Für die drei Tage, die ich unterwegs bin, habe ich ihn auf jeden Fall ausgeschaltet. Doch jetzt bin ich erst einmal auf die weiteren Räume im Haus gespannt. Wo ich hier wohl noch gelebte Utopien spüren werde?

Raum der Möglichkeiten

In den drei Tagen meines Besuchs verbringe ich viel Zeit im multifunktionsfähigen Gemeinschaftsraum: ein großzügiger, freier Raum voller Möglichkeiten. Hier essen wir miteinander, spielen, tauschen uns aus …

An eine Wand haben die BewohnerInnen ein übersichtlich beschriftetes Regal für Bücher gebaut, die miteinander geteilt werden. Hinter dem Vorhang befinden sich außerdem Matten, die wir morgens 7.30 Uhr nutzen, um Yoga zu machen, und an einem Abend für eine spontane Akro-Yoga-Session. Auch zwei Holzklötze und eine große Holzplatte werden hinter dem Vorhang gelagert. Jederzeit kann man sie zu einem Esstisch zusammenbauen, um den wir auf Sitzkissen gemeinsame Mahlzeiten einnehmen – ein wahres Multitalent, dieser Raum!

Wenn du von einem Supermarkt einen Haufen Paletten und Holzkisten bekommen würdest, was würdest du damit machen? Verbrennen? Zum Sperrmüll bringen? Wie wäre es damit, daraus ein Regal zu bauen oder ein Baumhaus? „Upcycling“ ist eine kreative Methode, um scheinbar nutzlose Stoffe in neuwertige Produkte umzuwandeln. Melinda, eine der BewohnerInnen, hat im Gemeinschaftsraum vor kurzem eine Pflanzenwand aus Materialien gebaut, die von Supermärkten weggeworfen würden. So hat sie wertvolle Ressourcen wie Holz und Kunststoff sinnvoll weitergenutzt und dem Raum eine grüne Wand geschenkt. Ich bin gespannt, wie es aussieht, wenn die Pflänzchen größer werden!

Schenken macht glücklich

Am Freitagabend kommen alle zum gemeinsamen Essen zusammen: Gemüsesuppe, Salat, Brot, selbstgemachte Aufstriche aus Wildkräutern – sehr lecker! Besonders genieße ich die intensiven Gespräche über Dankbarkeit, Loslassen, wie man sich seinen Humor bewahrt, dass Hühner nur Eier legen, weil sie so gezüchtet wurden und man ihnen ihre Nachkommen wegnimmt, denn natürlicherweise legt ja kein Vogel jeden Tag Eier … ob das Liebermenschhaus eine „schöne Blase“ ist, die auch nach außen wirkt … wie man damit umgeht, wenn in Schule oder am Arbeitsplatz alle um einen herum anders denken und leben … Am Ende der Mahlzeit bin ich herrlich satt, vor allem erfüllt, denn ich habe bekommen, was ich brauche: Verständnis, Bestätigung, Zugehörigkeit, Anerkennung … In meinem Bauch sprudelt die Freude und ein unbändiger Drang, den Menschen hier, die mir so viel geben, etwas zu schenken. Ich bin aufgeregt und auch etwas verlegen, als ich das Buch über Jin Shin Jyutsu hervorhole, das ich ihnen mitgebracht habe. Seit längerem praktiziere ich diese ganzheitliche Heilkunst auf Energieebene, weil mir vor ein paar Jahren bewusst wurde, dass Gesundheit kein Zustand, sondern eine Lebenseinstellung ist, und ich die volle Verantwortung für meine Gesundheit tragen will. Für mich birgt Jin Shin Jyutsu die große Chance, mich selbst zu heilen, frei von Hilfsmitteln wie Medikamenten und Ärzten, und demnach auch geldfrei.

Neugierig und aufmerksam hören mir die andren zu, während ich erzähle, wie ich diese Heilkunst kennengelernt habe, wie ich damit in wenigen Tagen eine Mittelohrentzündung bei mir heilen konnte und dass ich durch das tägliche Strömen kaum noch Migräneattacken habe. Sie stellen Fragen, ich freue mich über das aufrichtige Interesse und sie sich darüber, dass ich mein Wissen und meine Fähigkeiten mit ihnen teile. Ich bekomme eine Gänsehaut, denn da ist wieder dieses besondere Gefühl, das ich so intensiv erstmals auf dem Utopival erlebt habe. Es entsteht, wenn jeder von uns gibt, was er kann, und nimmt, was er braucht. Ich spüre, wie nah die Utopie von einem Miteinander des bedingungslosen Schenkens ist. Und es fühlt sich so befreiend an! Ich brauche nichts mehr zu sein als ich selbst, darf bei mir ankommen und mich den anderen zeigen, wie ich bin, mit all meinen Fragen, Ängsten, meiner Begeisterung.

Unkraut oder heilsam?

Am Samstagvormittag bietet Silvia, ein anderer Zeitgast im Liebermenschhaus, eine Wildkräuterführung an, zu der die BewohnerInnen und auch andere Mainzer herzlich eingeladen sind. Auch Silvia schenkt uns ihr Wissen und ihre Fähigkeiten bedingungslos und geldfrei. Voller Enthusiasmus führt uns die Siebzehnjährige durch die angrenzenden Wiesen und lässt uns allerlei Pflanzen kosten. Auf mein Nachfragen hin erzählt sie uns, dass sie davon träumt, neben Kräuterführungen auch Workshops für das Überleben in der Wildnis zu geben und sich dafür bei verschiedenen Seminaren autonom weiterzubilden. Dass sie deshalb im Herbst die Schule abbrechen wird, hat sie ihren konservativen Eltern – eine Staatsanwältin und ein Beamter – noch nicht erzählt. Mit denen könne sie über so was überhaupt nicht reden, bedauert sie. Deshalb würde sie einfach mit achtzehn ausziehen und die Schule kurz vor dem Abi abbrechen. Ihre Traurigkeit über das Unverständnis ihrer Eltern stimmt auch mich ein wenig traurig. Zugleich freue ich mich sehr über Silvias Mut, ihrem Herzen zu folgen, und bin darüber erstaunt, dass sie in ihrem Alter schon so klar weiß, worin sie gut ist und was sie will. Dass Silvia für die Natur brennt und es genau das Richtige für sie ist, ihren eigenen Weg zu gehen, ist bei der Kräuterführung deutlich zu spüren: Schon am frühen Morgen hat sie unsere Führungsroute ausgesucht und Karteikarten mit Informationen zu den Pflanzen beschrieben. Auf wirklich jede Frage von uns weiß sie eine Antwort. Es ist meine erste Wildkräuterführung und ich staune darüber, wie nah doch liegt, was uns nähren und heilen kann: Hagebutte, Gänseblümchen, Knoblauchsrauke … alles wächst nicht nur auf den angrenzenden Wiesen, sondern bereits im Vorgarten.

Während wir so dahinspazieren, naschen wir hier und da von den grünen Leckereien. Wie verschieden die wilden Pflanzen schmecken! Ich hätte gedacht, dass alles ziemlich gleich und wie Salat schmeckt. Doch Schaumkraut ist ähnlich scharf und würzig wie Kresse, Vogelmiere leicht nussig und Löwenzahn hat eine herbe, bittere Note. Bei so viel Vielfalt komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus! Ich beschließe, demnächst auch in Berlin eine Wildkräuterführung mitzumachen, um später mit Freunden gemeinsam pflücken gehen zu können.

Unterwegs erzählt mir Pia, dass ihre Vermieter, die im Haus nebenan wohnen, sie darauf angesprochen haben, dass sie den Vorgarten herrichten und die Rosen und den Lavendel vom Unkraut befreien sollten. Unkraut?! Ich muss seufzen. Es ist nicht leicht, manchmal sogar richtig unangenehm, Alternativen zu leben, vor allem wenn man das beispielsweise inmitten einer Einfamilienhaussiedlung macht. Ich scheue solches Spannungspotential. Auch Pia scheint darüber nicht besonders glücklich, doch sie versucht die Chancen darin zu sehen. Ich bewundere ihre Einstellung, als sie mir erzählt, dass die BewohnerInnen es als großes Geschenk betrachten, dass ihre Vermieter ihnen das Haus überhaupt vermieten. Diese hätten als Mieter lieber eine normale Kleinfamilie anstatt eine bunte Wohngemeinschaft und haben sich dennoch darauf eingelassen. Deshalb sei es den BewohnerInnen besonders wichtig, bei unterschiedlichen Ansichten und Lebensweisen behutsam und achtungsvoll das Gespräch zu suchen. Das „Unkraut“ aus dem Vorgarten zu entfernen kommt für die BewohnerInnen natürlich nicht infrage. Deshalb haben sie eine Lösung gesucht, mit der sie ihren Vermietern entgegenkommen möchten. Und die basteln wir am Nachmittag: Schilder aus alten Holzkisten vom Supermarkt, die das „Unkraut“ beim Namen nennen und seine Heilwirkungen beschreiben. Am meisten freue ich mich über das Schild „Pflück-mich-Garten – sponsered by mother nature“. Und ich bin gespannt: Wie die Nachbarn wohl auf diese kreative Einladung reagieren werden?

Spielräume

Ich liebe es, miteinander zu spielen und einander authentisch zu begegnen. Deshalb habe ich ein Veranstaltungskonzept entwickelt, das ich seit Januar 2015 auf verschiedene Weise erprobe: Der Spielraum – ein Experimentierfeld, um sich selbst und andere auf spielerische Weise kennenzulernen. Dabei kann man beispielsweise erleben, sich im Jetzt mit den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen und denen der Gruppe zu verbinden, um gemeinsam einen Ort der Begegnung zu schaffen. Schon vor Monaten habe ich Pia gefragt, ob ich mal einen Spielraum im Liebermenschhaus anbieten darf und sie hat dem erfreut zugestimmt. Deshalb gebe ich nun Freitagabend und Sonntagvormittag jeweils einen Workshop – natürlich geldfrei, wie alle Projekte von living utopia. Ich bin in Hochstimmung und auch ein wenig nervös, als sich sowohl BewohnerInnen als auch BesucherInnen von außerhalb im Gemeinschaftsraum zum Spielraum versammeln. Und schon geht’s los!

Immer wieder sehe ich den andren in die leuchtenden Gesichter. Die Leidenschaft meiner Mitspielenden, das Funkeln in ihren Augen, die Möglichkeit, mich voll und ganz einzubringen, wie ich bin, die kribbelnde Spielfreude in meinem Bauch … das alles lässt mich wie auf Wolken gehen. Und wieder spüre ich: Meine Talente und Fähigkeiten frei schenken und miteinander teilen zu können und dafür Wertschätzung und Freude zu erfahren, lässt mich so viel Fülle und Dankbarkeit spüren, dass ich vor Freude platzen könnte.

Abschied und Aufbruch

Und schon ist es Sonntagnachmittag, Zeit, mich zu verabschieden. Dankbar umarme ich die BewohnerInnen, die mich einladen, jederzeit wieder zu kommen. Ich freue mich schon darauf und lade sie dazu ein, auch meinen Spielraum in Berlin zu besuchen.

Aufgeregt und beflügelt steige ich in den Bus. Wie viele wunderbare Eindrücke und Impulse ich mitnehmen darf! Ich freue mich darauf, sie in den kommenden Wochen mit meinen Freunden in persönlichen Begegnungen, am Telefon und im Blog zu teilen. Im Liebermenschhaus habe ich viel Kraft und Mut getankt, um auch meine eigenen Projekte weiterzubringen, beispielsweise die Gründung der Wohnblume. Den Traum von einem harmonischen Miteinander zwischen Mensch und Natur, von Achtsamkeit und Bewusstheit zu teilen, erfüllt mich mit Glücksgefühlen. Zu erleben, dass diese Träume verwirklichbar sind, hat mich tief gestärkt. Auch spüre ich eine wachsende Klarheit in mir, dass ich in der Flut der „normalen“ Welt mit ihrem Überlebenskampf des Einzelnen und ihren Leistungsgedanken mehr Räume der Begegnung und des Miteinanders schaffen möchte. Denn ich wünsche jedem, dass er lernt, die Sprache seines Herzens zu verstehen, und den Mut, diesem Klang zu folgen.

 

Vielen Dank von ganzem Herzen für die Zeit im Liebermenschhaus mit all den bereichernden Begegnungen! Die drei Tage waren einfach wuuuuunderschön! Ich habe so viel Freude, Zuversicht und Wertschätzung erfahren, dass ich rundum satt und glücklich und mit viel Dankbarkeit und Liebe im Herzen zurück nach Berlin kehre. Lasst uns unsere Utopien leben! Jetzt!

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Kommentare: 1
  • #1

    Manuel (Montag, 09 Mai 2016 18:17)

    Wuff... äh, wau! :-) Wie schön. Vielen Dank für's Teilen. Dein Erfahrungsbericht inspiriert mich gerade sehr. Das Liebermenschhaus kenne ich bisher nicht persönlich, Jana und Sylvia (mich hat sie auch sehr beeindruckt) habe ich aber auf dem Alwizuko in Düsseldorf vergangenen Dezember/Januar kennengelernt, das für mich glaub ich eine ähnlich wunderbare Erfahrung war wie für dich dein Besuch in Mainz. Alles Gute dir! Manuel