Augen-Kontakt-Experiment in 143 Städten

Menschliche Nähe in anonymen Massenstädten?

Kennst du das: Du sitzt in der Bahn, lässt den Blick schweifen und da schaut ein anderer Mensch gerade zufällig in deine Richtung? Manche Blicke treffen sich kurz und schweifen weiter, andere weichen einander sofort aus und wieder andere bleiben einen Moment hängen. Vielleicht begegnen sie sich sogar für ein paar Sekunden.

 

„105.000 Menschen in 143 Städten” waren mit dabei, behauptet das ZDF. Wir haben das Experiment auf dem Alexanderplatz mitten in Berlin gewagt: eine Minute Augenkontakt mit einem Fremden.

16.30 Uhr

Im trüben Licht eines herbstlichen Donnerstagnachmittags drängen sich um die fünfzehn Menschen unter der Weltzeituhr zusammen, scheinbar schutzsuchend vor der Kälte. Der sonst menschenüberfüllte Alexanderplatz ist nahezu leergefegt: eine Fläche aus grauschwarzem Stein und nassgrauem Nieselschleier, immer mal durchschnitten von neonfarbener Reklame und dem schrillen Bimmeln einer Tram. Hier und da huscht ein gehetzter Großstädter vorbei. Die Touris drängen sich unter die Vordächer.

Mit gemischten Gefühlen überqueren Andreas und ich den Platz: Skepsis und Neugier, Genervtheit und Vorfreude. Schweigend tauschen wir Blicke aus. Ja, wir denken beide: „Warum liegen wir jetzt nicht kuschelnd und mit heißem Tee auf dem Sofa? Warum gehören wir unter den Fünftausend, die sich in facebook für die Veranstaltung in Berlin angemeldet haben, zu den wenigen Bekloppten, die tatsächlich kommen?“

Vielleicht aus Idealismus und Menschenliebe, oder weil wir es einfach besser wissen als unser nölender Schweinehund: Für diese tiefen, menschlichen Begegnungen lohnt es sich, die Bequemlichkeit zu überwinden.

Wir treten zu den Menschen in Regenjacken und dicken Schals unter der Weltzeituhr. Und tatsächlich: Hier herrscht Aufbruchsstimmung! Der Organisator des Flashmobs in Berlin, Armin B., ist guter Dinge und verbreitet auch gute Laune mit seinem Schild „Is Human Connection Waterresistant?“ und Sprüchen wie „When the weather isn’t with us, we have to be with the weather.”

 

16.45 Uhr

Armin B. und sein Team „Circling Deutschland“ besprechen mit uns Helfern ein paar organisatorische Dinge, dann geht’s auch schon los mit Begrüßungsspielen zum Aufwärmen: Warm-up für den Kontakt mit sich und den anderen – und nebenbei wärmt es auch die kalten Füße. Immer mehr Menschen kommen hinzu. Binnen Minuten sind wir über dreißig Spielende.

 

17 Uhr

Das Augen-Kontakt-Experiment startet: Für den Anfang setzen sich drei Mutige, jeder mit Decke und zwei Sitzkissen, unter die Weltzeituhr. Dort ist es weitestgehend trocken und windgeschützt. Die anderen spielen erst mal im Stehen. So erobern wir langsam, aber sicher die freie Fläche.

Nachdem ich ein paar Freunde und Bekannte begrüßt habe, packt mich eine große Spielfreude. Ich sehe mich um.

„Es regnet nicht mehr“, freue ich mich.

„Der Boden auf dem Alexanderplatz ist nass und kalt“, nölt mein Schweinehund.

„Wozu habe ich zwei solide Plastiktüten und dicke Decken mitgebracht?“, strahle ich ihn gewinnend an. Da verzieht er sich samt restlicher Skepsis, und ich richte mir mein Plätzchen her und lade gleich einen Bekannten zum Augenkontakt ein, um schon mal warm zu werden. Und dann sitze ich da tatsächlich fast zwei Stunden: bis kurz vor 19 Uhr, als das Team „Circling Deutschland“ das Experiment offiziell beendet. Im Abschlusskreis sind wir über hundert Menschen – viele haben sich auch schon vorher auf den Heimweg gemacht, mit kalt gewordenen Nasen und warm gewordenen Herzen.

 

Was geschieht in diesen knapp zwei Stunden?

Zwischendurch nieselt es. Ich merke es erst später an meiner nassen Hose, so sehr vertiefe ich mich in die Augen der fremden Menschen. Dabei ist das gar nicht so einfach bei dem zunehmenden Gewusel um mich herum: Neugierige Passanten stellen Fragen, aufgeregte Experimentierende tauschen sich lautstark über ihre Erlebnisse aus, feixende Jugendliche stupsen uns sogar während des Kontakts provokant an. Und dann ständig die Blitzlichter! So viele Menschen fotografieren. Als wäre es ein Fotowettbewerb und kein Kontaktexperiment. Hin und wieder bin ich sogar kurz davor, einen Kontakt abzubrechen, um einen neben mir stehenden Raucher zu bitten, ein paar Schritte weiter weg zu gehen und mir Sitzenden seine Zigarette nicht unter die Nase zu halten. All das Gequatsche und Tramgebimmel auszublenden und ganz bei dem Menschen mir gegenüber anzukommen ist für mich eine echte Herausforderung. Doch immer, wenn es gelingt, geschieht etwas, das sich wunderbar anfühlt.

Ein Stück von mir entfernt wird Musik angemacht und getanzt, um sich zwischendurch immer wieder aufzuwärmen. Seltsamerweise ist mir während des Kontakts gar nicht kalt. Danach und davor reibe ich öfters meine Beine und Hände heftig aneinander und hüpfe auch mal im Kreis herum. Doch meistens sitze ich einfach da, weil sich stets nach ein paar Sekunden wieder jemand auf die Decke mir gegenüber setzt.

Manche Menschen fragen mich nach dem Augenkontakt, wie ich das so empfinde. Es gibt ein paar interessante Gespräche, am meisten jedoch genieße ich die Momente, in denen ich wortlos ein fremdes Gesicht ergründen kann.


Alles in allem war es ein faszinierender Nachmittag, den ich sehr genossen habe und für den ich tief dankbar bin. Die Erlebnisse jedes Einzelnen dort waren wohl so vielfältig wie die Menschen selbst, die an diesem Experiment teilgenommen haben: Verschiedenste Generationen und Nationen trafen sich hier, um einander in die Augen zu sehen.

 

Wir sehen einander an.

Wir wollen nichts voneinander und brauchen nichts voneinander.

Wir sehen einander an.

Wir müssen nichts fordern und nichts verkaufen.

Wir sind da.

Wir müssen nichts darstellen und nichts sein,

außer in diesem Moment.

Wir sehen einander an.



Auch die Medien haben einen Blick gewagt:

Berliner Kurier

ZDF

Joiz.de


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Kommentare: 1
  • #1

    Klaus Klein (Sonntag, 18 Oktober 2015 10:32)

    Grundsätzlch finde ich es gut, sich Zeit für Augenblicke zu nehmen! Die Motivation dazu ist sicher vielfältig, dennoch interessieren mich die Beweggründe der Aktion.
    Ich meine, man kommt seinem Gegenüber ja schon sehr nahe. Möchte man ihn/sie näher kennenlernen? Möchte man nur mit sich und dem anderen experimentieren?...
    Sicher ist es immer eine Erfahrung wert, Menschen zu begegnen und vielleicht lernen wir auf solche Weise, uns auch im Alltag den Augenblicken zu stellen, sie bewußt wahrzunehmen. Dann ist das eine gute "Übung". Allerdings ist es eine künstlich gestellte, also nicht ganz natürliche Begegnung, und damit bin ich meistens nicht ganz glücklich. So aus "dem Bauch raus" empfunden ;-)